Der aktuelle Nutzen des Internets für die Oppositionsarbeit im Nahen Osten

Die Nutzung des Internets durch oppositionelle Bewegungen im Nahen Osten

Verwendete Literatur und wichtige Links

 

Der aktuelle Nutzen des Internets für die Oppositionsarbeit im Nahen Osten

Unter Berücksichtigung der technischen Möglichkeiten und Neuerungen, der aktuellen Durchdringung der Gesellschaften mit dem Internet, des von den Regierungen gesetzten, teilweise sehr eingeschränkten Rahmens der Nutzung, aber auch der Möglichkeiten, diesen zu sprengen, lassen sich, wenn auch mit Unsicherheiten, ein paar allgemeine Aussagen zum potentiellen Nutzen des Internets für die Oppositionsbewegungen im Nahen Osten treffen.

Betrachtet man die Verbreitung des Internets, die vorwiegende Art der Nutzung und die Einschränkungen, die gerade von jenen Regierungen getroffen werden, in deren Ländern ein größerer Prozentsatz der Bevölkerung dieses "Neue Medium" wahrnimmt, kann vorerst davon ausgegangen werden, dass oppositionelle Gruppen im Internet nur beschränkt ein Medium finden, um bei ihrer eigenen Bevölkerung für ihre Sache zu werben. Ausnahmen von dieser Aussage sind die beiden Staaten Israel und Libanon, in denen jeweils über 10% der Bevölkerung weitgehend unzensiert das Internet nutzen. Inwiefern allerdings das Internet die politische Meinungsbildung im Nahen Osten beeinflusst, ist ungewiss und in Relation mit den weiter verbreiteten, nicht auf einer Schriftkultur basierenden anderen "Neuen Medien", allen voran dem Satellitenfernsehen, zu beurteilen.

Ein Klima möglicher Überwachung und die gezielte Verwendung von Filtern bewirken meiner Meinung nach, dass das Internet in dieser Region vom "normalen" Surfer nicht als Medium der politischen Meinungsbildung genutzt wird. Hinzu kommen ganz eigene, nicht unbedingt mit den europäischen übereinstimmende Bedürfnisse der "User", zu denen meiner Erfahrung nach private preiswerte Konversation mit Bekannten und Freunden in der ganzen Welt zählen. Vom Internet geht allerdings insofern eine mittelbare Herausforderung an die Regierungen im Nahen Osten aus, als dass die Berichterstattung von ihr kontrollierter Medien so kritisch gestaltet werden muss, dass sich das Bedürfnis nach einer zuverlässigeren Informationsquelle nicht zu stark entwickelt.

Für konkrete Oppositionsarbeit, die von Information über Kommunikation bis hin zur Mobilisierung von Mitgliedern reicht, gelten allerdings andere Kriterien. Filter entfalten nicht ihre gewünschte Wirkung, wenn gezielt nach etwas gesucht wird, besonders bei Inanspruchnahme internationaler Hilfe. Trotz aller Einschränkungen und Überwachungsmöglichkeiten der Kommunikation bietet das Internet professionellen Aktivisten eine Operationsbasis wie kein zweites Medium. Insbesondere Dissidenten und andere im Ausland lebende Landsleute können stärker in das politische Geschehen der Heimat eingebunden werden. Außerdem haben Oppositionsbewegungen mit dem Internet eine Möglichkeit, wenn auch mit geringer Reichweite im Inland, so doch international ihre Botschaft zu verbreiten. Im Rahmen zunehmender Globalisierung kann ein erfolgreich vom Ausland wahrgenommener Internetauftritt und die erleichterte Kooperation mit anderen Gruppen ähnlicher Interessen nicht nur neue Impulse geben, sondern auch wichtig für die Anerkennung und den Erfolg einer Oppositionsbewegung sein.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass mit dem Einzug des Internets keine Regierung mehr vermag, ihre Opponenten zum Schweigen zu bringen, gleichwohl sich deren Einfluss auf die Meinungsbildung im Land selber erfolgreich begrenzen lässt. Im Kontext der stärkeren "Außenwirkung" dieses Mediums mag es für Regierungen sogar ratsam sein, sich bezüglich des Internets liberal zu geben und sich gleichzeitig auf die Kontrolle innenpolitisch relevanter Medien zu konzentrieren, wie dies der Fall in Ägypten, Jordanien und Marokko ist. Außerdem bieten sich aus Sicht der Regierungen "Webpräsenzen" oppositioneller Bewegungen leichter zur Überwachung an, als andere Kommunikationsformen; mit Sicherheit gibt es bestimmte Beamte, die regelmäßigen oppositionelle "Internetpräsenzen" besuchen, deren "Mailing-Listen" abonnieren und sich in den "Chat Rooms" aufhalten.

 

Die Nutzung des Internets durch oppositionelle Bewegungen im Nahen Osten

Das Metamedium Internet wird auf sehr unterschiedliche Art und Weise von den verschiedenen oppositionellen Bewegungen im Nahen Osten angenommen.

Wie zu erwarten, wird das "World Wide Web" meistens dazu genutzt, die eigene Organisation und das politische Programm vorzustellen. Die ägyptische "EOHR " begrenzt ihre erste "Webpräsenz" auf eine auf Englisch gehaltene und damit vor allem an das internationale Ausland gerichtete Selbstdarstellung. Andere "Internetpräsenzen" wie die der sudanesischen "SAF" oder jene der saudischen "MIRA" präsentieren sich sowohl auf Englisch als auch auf Arabisch, die syrisch-kurdische "KDPS Alparty " führt ihre "Webpräsenz" sogar auf vier Sprachen. Nur auf arabisch gehaltene "Webpräsenzen", wie dies der Fall bei der studentischen syrischen "Site" "48+2" ist, sind selten, obwohl dies ausreichen würde, um das innenpolitisch relevante Publikum anzusprechen. Daraus lässt sich schließen, dass das Internet von den meisten oppositionellen Akteuren im Raum als vor allem nach Außen gerichtetes Sprachrohr verstanden wird.

Neben einer reinen Selbstdarstellung gibt es die Möglichkeit, durch eine Auswahl eigener und verlinkter Artikel zu informieren. Der jordanische Journalistenverband "CDFJ" verzichtet zugunsten eines breiten Informationsangebotes sogar ganz auf eine direkte Selbstdarstellung und fungiert als "Portal" zu unabhängigen arabischen Nachrichten und Informationen über Pressefreiheit in der Region. Das Informationsangebot ist normalerweise ein wichtiger Bestandteil einer oppositionellen "Webpräsenz", da dieses das Informationsmonopol der Regierung bricht und gleichzeitig das Potential hat auch jene, die nicht direkt an einer bestimmten Gruppierung interessiert oder beteiligt sind zum Besuch der "Site" zu verleiten und sie auf diesem Weg über das eigene Anliegen zu informieren.

Durch eine "Internetpräsenz" kann sowohl eine stärkere Integration der zum Teil global verteilten Mitglieder sowie deren Mobilisierung, als auch die Gewinnung neuer Mitglieder erreicht werden. Hierauf zielen in erster Linie Angebote ab, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu erzeugen versuchen. Beispielhaft in diesem Kontext ist die "Webpräsenz" von "48+2", die mit einer Vielzahl von Angeboten darauf abzielt, dass über ihre "Site" neue Bekanntschaften und Freundschaften aufgebaut werden, und die versucht, im Ausland studierende Syrer zu integrieren. Auch Meinungsumfragen und die Möglichkeit, sich am Angebot der "Site" zu beteiligen, führen zu einer stärkeren Einbindung Interessierter. Die finanziellen Probleme der saudischen Exilopposition "MIRA" bei der Betreibung ihres "Sicherheitsservers" können so gedeutet werden, dass sich durch die Beschränkung auf ein, wenn auch vorbildhaftes, Informationsangebot Interessenten und Sponsoren nicht einmal monetär mobilisieren lassen.

Das Internet bietet eine Vielzahl an Kommunikationsmöglichkeiten wie kein zweites Medium. Direkte Kommunikation ist von zentraler Bedeutung, um Mitglieder und Interessenten stärker zu binden und in die Oppositionsarbeit mit einzubeziehen. Aus einer solchen Kommunikation resultierende globale Diskussionsstrukturen können dazu führen, dass "Know-how" und Ideen aus dem Ausland - oder im Fall einer Exilopposition unmittelbare Erfahrungen aus dem "Heimatland" - mit in die Oppositionsarbeit eingebracht werden, und diese damit mitgestalten und verändern würden. Dies beinhaltet, dass das "Meinungsmonopol" der Führung einer oppositionellen Bewegung eingeschränkt werden kann. Während manche oppositionellen Akteure wie die "Iran Teachers Association " und die "Sudan Alliance Forces" unmoderierte und unzensierte "Diskussionsforen" anbieten, sind andere oppositionelle Gruppen zurückhaltender, ihr "Informationsmonopol" aus der Hand zu geben. Dieser Verdacht drängt sich insbesondere bei der professionellen "Internetpräsenz" von Dr. Sa'd al-Faqih auf, die keinerlei Möglichkeiten der Beteiligung an Diskussionen und der Bereitstellung von Artikeln durch den "User" vorsieht. Bei der syrischen studentischen "Webpräsenz" "48+2" wird trotz aller Möglichkeiten der Teilhabe an der Gestaltung des Inhalts der "Site" kein "Chat Room" angeboten. Außerdem werden die Beiträge nicht unmittelbar publiziert. Die ägyptische Menschenrechtsorganisation "EOHR" verzichtet selbst in ihrer neuen "Webpräsenz" komplett auf Kommunikationsangebote. Da sowohl "48+2" als auch "EOHR" öffentlich agieren und von den Regierungen des jeweiligen Landes geduldet werden, ist es möglich, dass loyale Oppositionen befürchten, für Beiträge, die auf ihren "Sites" erscheinen, haftbar gemacht zu werden, und deshalb bewusst auf diese Möglichkeit verzichten.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass Kommunikationsangebote, die meiner Meinung nach das größte politische Potential innerhalb einer "Internetpräsenz" haben und auch die Möglichkeit bieten, die einzelnen Bewegungen bezüglich ihres Informationsstandes und ihrer Programmatik weiter zu bringen, selten den Schwerpunkt einer "Webpräsenz" ausmachen und häufig ganz wegfallen. Es fällt allerdings auch auf, dass sie selbst bei ansprechender Aufmachung, wie dies der Fall bei den "Internetpräsenzen" von "SAF" und "ITA" ist, eine vernachlässigbare Beteiligung aufweisen. Dies mag wiederum nicht mit dem Angebot, sondern mit den äußeren Umständen der Verbreitung und Art der Nutzung des Internets im Nahen Osten zusammenhängen.

Inwiefern bestehende Kommunikationsmöglichkeiten in Zukunft stärker genutzt werden, ist schwer abzuschätzen. Bezüglich dieser Fragestellung erscheint es mir lohnenswert, Angebote, die auf den ersten Blick weitgehend unpolitisch wirken wie jenes der syrischen studentischen "Internetpräsenz" "48+2", in Bezug auf die Entwicklung ihrer Beiträge zu beobachten. Ich halte es für möglich, dass durch solche "Sites" gerade jene "User" auch in politische Diskussionen mit einbezogen werden können, die das Internet bisher nicht als Medium des politischen Diskurses und der politischen Bildung nutzen.

Die Bedeutung des Internets sollte bezüglich Meinungsbildung und Verbreitung politischer Informationen immer vergleichend mit den "alten" Massenmedien und anderen "Neuen Medien" im Nahen Osten, wie dem internationalen (arabischen) Satellitenfernsehen, kritisch betrachtet werden, auch wenn letztere in das Internet integriert werden können.

 

Verwendete Literatur und wichtige Links

 

 

     
© David Haberlah 04/2002