Golden Temple
 
Stummer würdevoller Wächter
Seine strengen Augen haben mehr Kraft
als der Speer in seiner linken Hand
Und doch fordert er nur
was im Anblick dieses Tempels
unvermeidbar ist
Erstaunen und Ernsthaftigkeit
Erst nachdem man
auf blendend weissem Marmor
das Becken mit dem heiligen Nektar
rechts umkreist
gelangt man
unter weiss wehenden Baldachinen
zu dem funkelnden Heiligtum
dem Zentrum
der melodischen ruhigen Musik
die den ganzen Komplex
in ein besonderes Licht taucht
Obwohl auch hier Andacht
und Ruhe vorherrschen
ist orientalisches Leben im Raum
Es wird sich verneigt
es wird gelesen musiziert
Münzen klingeln
orangene Tücher werden gereicht
und es wird Halwa gegessen
Im oberen Rundgang
meditiert ein alter Herr
mit großem weissen Bart und Turban
in einem
noch viel älteren und größeren Buch
Das Unfassbare wird verkörpert
gelesen, gesungen, schlafen gelegt
Und bei all der Größe
doch Liebe fürs Detail
Bei allem Prunk
doch ein Auge für die Armen
denn jedem wird Essen gereicht
und jeder ist willkommen
Geht man aus dieser Quelle
von Licht, Gesang und Andacht
sieht man über und unter sich
stumme wundersame Zeugen
die Fische und der Regen
Er fällt auf ihre Köpfe
und es ist dabei
als wachsen kristallne
Blumen aus dem See
 
 
07.08.95